Ausgleichsenergie ist die Strommenge, die Netzbetreiber kurzfristig einsetzen, um Abweichungen zwischen der geplanten und der tatsächlichen Einspeisung beziehungsweise Entnahme im Stromnetz auszugleichen. Diese Abweichungen entstehen durch Differenzen zwischen Prognosen und realem Verbrauch oder Erzeugung und werden dem verantwortlichen Bilanzkreis im Nachhinein finanziell verrechnet. Die Abrechnung erfolgt dabei zum sogenannten Imbalance-Preis oder Ausgleichsenergiepreis, der die aktuelle Systemlage widerspiegelt.
Jeder Marktteilnehmer im Strommarkt plant im Voraus, wie viel Strom er in bestimmten Zeitintervallen, üblicherweise viertelstundengenau, einspeist oder verbraucht. Diese Planung wird als Fahrplan bezeichnet und ist Grundlage für das Fahrplanmanagement, das die Netzstabilität sichert. Weichen die tatsächlichen Werte von diesen Prognosen ab – beispielsweise durch Wetteränderungen, Anlagenausfälle oder unerwartete Verbrauchsspitzen – greift der Übertragungsnetzbetreiber auf vorgehaltene Reserven zurück. Diese Reserven sind Teil des Regelenergiesystems, das kurzfristig Energie bereitstellt oder aufnimmt, um das Gleichgewicht im Netz zu halten. Die tatsächlich aktivierte Arbeit zur Korrektur dieser Abweichungen wird als Ausgleichsenergie bezeichnet.
Der Ausgleichsenergiepreis, auch reBAP genannt, ist dynamisch und richtet sich nach der aktuellen Netzsituation: Ist das Netz unterdeckt, steigt der Preis, bei einem Überschuss kann er auch negativ sein. Ziel dieses Preissystems ist es, die Netzfrequenz stabil zu halten und die Kosten für Ungleichgewichte dorthin zu lenken, wo sie verursacht wurden. Gute Prognosen und der Intraday-Handel, bei dem Fahrpläne bis kurz vor der Lieferung angepasst werden können, helfen, die Menge an Ausgleichsenergie zu reduzieren und somit Kosten zu sparen.
Beispiel aus der Praxis
Ein Windpark hat für die Zeit von 12:00 bis 13:00 Uhr eine Einspeisung von 10 MWh geplant, liefert aber aufgrund geringeren Windaufkommens nur 8 MWh. Die fehlenden 2 MWh werden vom Netzbetreiber durch Regelenergie ausgeglichen. Dem Bilanzkreis des Windparks werden diese 2 MWh positive Ausgleichsenergie zum jeweiligen Ausgleichsenergiepreis in Rechnung gestellt. Umgekehrt entstehen bei einer Einspeisung von 12 statt 10 MWh 2 MWh negative Ausgleichsenergie, die entsprechend vergütet oder abgerechnet wird.
Abgrenzung & verwandte Begriffe
- Bilanzkreis: Ein virtuelles Energiemengenkonto eines Marktteilnehmers, in dem Plan- und Ist-Abweichungen verbucht werden. Jeder Bilanzkreis wird von einem Bilanzkreisverantwortlichen (BKV) betreut, der für die Einhaltung der Fahrpläne und die Bilanzkreistreue sorgt.
- Regelleistung vs. Regelarbeit: Regelleistung bezeichnet die vorgehaltene Reservekapazität, die bei Bedarf aktiviert wird, um kurzfristige Netzschwankungen auszugleichen. Regelarbeit ist die tatsächlich eingesetzte Arbeit, die zur Korrektur von Abweichungen zwischen Prognose und Realität dient.
- Intraday-Handel: Ein Instrument, mit dem Marktteilnehmer ihre Fahrpläne bis kurz vor der Lieferzeit anpassen können, um Abweichungen zu minimieren und Ausgleichsenergie zu vermeiden oder zu reduzieren. Das Hauptwerkzeug stellt die Intraday-Strombörse dar, die erlaubt, Fahrpläne bis 5 Minuten vor Lieferung zu korrigieren.
- Fahrplan/Dispatch: Der geplante Einsatz von Stromerzeugung oder -verbrauch, der viertelstundengenau beim Übertragungsnetzbetreiber angemeldet wird. Ausgleichsenergie kommt erst zum Tragen, wenn trotz Fahrplan und Intraday-Handel Abweichungen bestehen bleiben.
Häufige Missverständnisse
„Ausgleichsenergie ist ein normaler Handelsmarkt.“ – Nein, Ausgleichsenergie wird ex-post abgerechnet und dient in erster Linie der Systemstabilität, nicht der Beschaffung von Strom.
„Das ist immer eine Strafe.“ – Nicht zwangsläufig; der Ausgleichsenergiepreis kann je nach Netzsituation stark variieren und ist nicht immer hoch.
„Wer Ausgleichsenergie hat, muss sich nicht kümmern.“ – Falsch; Ausgleichsenergie ist oft teuer und volatil und ersetzt nicht die Notwendigkeit genauer Prognosen und eines aktiven Fahrplanmanagements.
„Nur große Kraftwerke sind betroffen.“ – Jede einspeisende oder entnehmende Einheit wirkt sich über ihren Bilanzkreis aus; auch kleine oder aggregierte Anlagen müssen ihre Prognosen einhalten.
Die Rolle der Bilanzkreise und Bilanzkreisverantwortlichen
Das deutsche Stromnetz ist in verschiedene Regelzonen unterteilt, die jeweils aus vielen Bilanzkreisen bestehen. Ein Bilanzkreis ist ein virtuelles Konto, das alle Einspeisungen und Entnahmen eines Marktteilnehmers oder einer Gruppe von Marktteilnehmern zusammenfasst. Die Bilanzkreisverantwortlichen (BKV) sind dafür zuständig, die prognostizierten Strommengen viertelstundengenau für ihren Bilanzkreis anzumelden und die Einhaltung dieser Fahrpläne zu überwachen.
Die Übertragungsnetzbetreiber vergleichen die angemeldeten Fahrpläne mit den tatsächlichen Einspeisungen und Entnahmen im Netz. Weichen diese voneinander ab, entsteht ein Ungleichgewicht, das durch Regelenergie ausgeglichen wird. Die Kosten für diese Regelenergie werden über die Ausgleichsenergie den Bilanzkreisen zugeordnet, die die Abweichungen verursacht haben. Somit sorgt die Ausgleichsenergie für das bilanzielle Gleichgewicht zwischen den Bilanzkreisen und trägt zur Netzstabilität bei.
Regelenergie und Ausgleichsenergie im Vergleich
Regelenergie regelt den physikalischen Stromfluss im Netz und wird vom Übertragungsnetzbetreiber eingesetzt, um die Netzfrequenz auf dem Sollwert von 50 Hertz zu halten. Sie wird bei kurzfristigen Abweichungen zwischen Erzeugung und Verbrauch aktiviert und ist in verschiedenen Formen wie Primär-, Sekundär- und Minutenreserve verfügbar.
Ausgleichsenergie hingegen ist das bilanzielle Pendant zur Regelenergie. Sie stellt den Geldfluss zwischen den Bilanzkreisen sicher und wird fällig, wenn die Fahrpläne nicht exakt eingehalten werden. Die Ausgleichsenergiepreise spiegeln die Kosten wider, die durch den Einsatz von Regelenergie entstehen, und setzen einen finanziellen Anreiz für die Bilanzkreisverantwortlichen, ihre Prognosen möglichst genau zu gestalten.
Kosten und Preisgestaltung der Ausgleichsenergie
Der Ausgleichsenergiepreis, auch reBAP (regelzonenübergreifender einheitlicher Ausgleichsenergiepreis) genannt, ist die Umlage der Kosten für den Einsatz von Regelenergie auf die Verursacher von Ungleichgewichten im Stromnetz. Er wird von den Übertragungsnetzbetreibern berechnet und den Bilanzkreisverantwortlichen für jede Viertelstunde in Rechnung gestellt.
Die Preise für Ausgleichsenergie sind dynamisch und abhängig von der aktuellen Netzsituation sowie den Marktbedingungen. In Zeiten hoher Nachfrage nach Regelenergie, zum Beispiel bei einem plötzlichen Kraftwerksausfall oder wetterbedingten Schwankungen bei erneuerbaren Energien, können die Preise stark ansteigen. Bei einem Stromüberschuss können die Preise auch negativ sein, sodass Bilanzkreise für ihre Überschusseinspeisung vergütet werden.
Stromendkunden zahlen keinen Ausgleichsenergiepreis direkt, da diese Verpflichtung vertraglich auf die Energieversorger übertragen wird. Die korrekte Bilanzkreistreue und genaue Fahrplananmeldung sind somit entscheidend, um Kosten durch Ausgleichsenergie zu minimieren.
Ausblick: Ausgleichsenergie im Strommarkt der Zukunft
Mit dem zunehmenden Anteil erneuerbarer Energien im Strommix und der steigenden Anzahl dezentraler Erzeuger und Verbraucher wird das Management von Ausgleichsenergie immer komplexer. Virtuelle Kraftwerke, intelligente Steuerungssysteme und der Ausbau digitaler Plattformen helfen dabei, Prognosen zu verbessern und das Netz stabil zu halten.
Die Rolle von Bilanzkreisverantwortlichen wird dabei immer wichtiger, da sie durch präzises Fahrplanmanagement und aktive Nutzung des Intraday-Handels die Menge an Ausgleichsenergie reduzieren können. So tragen sie nicht nur zur Netzstabilität bei, sondern optimieren auch die wirtschaftliche Effizienz im Strommarkt.
Insgesamt bleibt die Ausgleichsenergie ein zentrales Instrument, um das empfindliche Gleichgewicht im Stromnetz zu sichern und die Kosten für Ungleichgewichte gerecht zu verteilen. Durch technologische Entwicklungen und verbesserte Marktmechanismen wird ihre Bedeutung in Zukunft weiter wachsen.