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Merit Order

Die Merit-Order ordnet Kraftwerke für den Einsatz nach ihren Grenzkosten (Kosten der jeweils letzten erzeugten kWh). Zuerst laufen Anlagen mit den niedrigsten Grenzkosten; der Preis am Markt wird durch das zuletzt noch benötigte – und damit teuerste – Kraftwerk bestimmt.

Zur Deckung der stündlichen Nachfrage werden Angebote nach steigenden Grenzkosten sortiert (z. B. Wind/PV ≈ sehr niedrig, dann Laufwasser, Kernenergie, Braunkohle, Steinkohle, Gas). Alle Gebote bis zur Höhe der Nachfrage werden akzeptiert; der daraus entstehende Markträumungspreis entspricht den Grenzkosten der „preisbestimmenden“ letzten Anlage. In „pay-as-cleared“-Auktionen erhalten alle akzeptierten Anlagen diesen einheitlichen Preis. CO₂-Zertifikate, Brennstoff- und kurzfristige Betriebskosten fließen in die Grenzkosten ein. Netzengpässe, technische Mindestlasten oder Umweltauflagen können die ideale Reihenfolge lokal verändern (z. B. Abregelung von EE).

Beispiel aus der Praxis:

Für eine Stunde werden 50 GWh benötigt. Wind und PV liefern 20 GWh (nahe Null-Grenzkosten), Wasserkraft 5 GWh, Kohle 15 GWh, Gas 10 GWh. Die letzte benötigte Einheit kommt aus einem Gaskraftwerk; dessen Grenzkosten (z. B. 85 €/MWh) setzen den Marktpreis. Alle akzeptierten Einspeiser erhalten 85 €/MWh, unabhängig von ihrem Gebot – wer geringere Grenzkosten hat, erzielt Deckungsbeiträge.

Abgrenzung & verwandte Begriffe:

  • Merit-Order-Effekt: Zunahme von Erzeugung mit niedrigen Grenzkosten (v. a. EE) verschiebt teurere Kraftwerke aus dem Markt und senkt tendenziell den Großhandelspreis.
  • Grenzkosten vs. Vollkosten: Dispatch richtet sich nach Grenz-, nicht nach Investitions- oder Fixkosten.
  • Pay-as-cleared vs. Pay-as-bid: Einheitspreis für alle akzeptierten Gebote vs. Vergütung zum individuellen Gebotspreis.
  • Redispatch/Engpassmanagement: Netzbedingte Eingriffe, die die theoretische Merit-Order lokal übersteuern können.

Häufige Missverständnisse:

  • „Erneuerbare laufen immer zuerst und uneingeschränkt.“ – In Engpasssituationen können EE abgeregelt werden.
  • „Merit-Order ist eine Investitionsregel.“ – Sie beschreibt den betrieblichen Einsatz, nicht die Entscheidung, welche Anlagen gebaut werden.
  • „Niedrige Großhandelspreise senken automatisch Endkundenpreise.“ – Netzentgelte, Steuern/Abgaben und Beschaffungsstrategien dämpfen/verschieben Effekte.
  • „Jeder bekommt seinen Gebotspreis.“ – In den meisten Stromauktionen gilt ein einheitlicher Markträumungspreis.