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Negative Strompreise

Negative Strompreise entstehen, wenn der markträumende Großhandelspreis unter null fällt: Erzeuger bzw. Verkäufer zahlen dafür, dass ihnen Abnahme zugesichert wird. Ursache ist ein zeitweiliger Überschuss an angebotener Leistung gegenüber der Nachfrage bei begrenzter Flexibilität im System.

Im europäischen Stromhandel (z. B. Day-Ahead- oder Intraday-Markt) wird für jedes Zeitintervall ein Einheitspreis ermittelt. Fällt das kumulierte Angebotsgebot—getrieben von sehr niedrigen Grenzkosten (Wind/PV), Must-Run-Anlagen und hohen Ab-/Anfahrkosten konventioneller Kraftwerke—unter die Nachfragekurve, kann der Preis unter null sinken. Verkäufer akzeptieren dann negative Preise, weil das Abschalten teurer wäre, Prozesswärme/Beiprodukte nötig sind (z. B. KWK-Prozesse) oder weil sie vertragliche/technische Zwänge haben. Häufig treten negative Preise bei hoher Wind-/PV-Erzeugung, geringer Last (Wochenenden/Feiertage, Nachtstunden) und/oder Netzengpässen auf; auch Prognosefehler kurz vor Lieferung können Intraday zu negativen Preisen führen.
Für erneuerbare Anlagen können länger anhaltende negative Preise Auswirkungen auf Fördermechanismen haben (z. B. zeitweise Aussetzung gleitender Marktprämien, abhängig von Inbetriebnahmedatum und Rechtslage). Negative Großhandelspreise bedeuten nicht, dass Endkundentarife automatisch negativ sind—Lieferantenpreise enthalten Netzentgelte, Steuern/Abgaben und Beschaffungsstrategien. Systemisch sind negative Preise ein Anreiz für Flexibilität: Lastverschiebung, Speichern (Laden), elektrochemische/thermische Speicher oder flexible industrielle Prozesse.

Beispiel aus der Praxis:

An einem sonnigen, windreichen Sonntag ist die Nachfrage gering. Für 13:00–14:00 Uhr wird im Day-Ahead-Markt ein Preis von −20 €/MWh festgestellt. Ein Betreiber eines Batteriespeichers lädt in dieser Stunde und erzielt damit einen positiven Deckungsbeitrag (er „kauft“ Strom zu −20 €). Ein Windparkbetreiber prüft, ob er weiter einspeist (und die negativen Preise trägt), kurzfristig intraday umdisponiert oder die Anlage kurzzeitig abregelt—je nach Vertrag, Förderstatus und technischen Randbedingungen.

Abgrenzung & verwandte Begriffe:

  • Merit-Order: Reihenfolge der Kraftwerkseinsätze nach Grenzkosten; negative Preise entstehen, wenn günstige Angebote die Nachfrage übersteigen und inflexible Erzeugung im System bleibt.
  • Intraday-Handel vs. Day-Ahead: Intraday korrigiert kurzfristig Prognosefehler; negative Preise können dort häufiger/volatiler auftreten.
  • Ausgleichsenergie / Imbalance-Preis: Ex-post-Abrechnung von Bilanzkreisabweichungen; kann sich Richtung und Höhe nach Systemlage stark vom Spotpreis unterscheiden.
  • Curtailment/EinsMan/Redispatch: Netzbezogene Eingriffe (Abregelung/Umlenkung) sind eigene Prozesse und nicht identisch mit Marktpreisbildung.
  • PPA-Floor/Cap, CfD: Vertragsmechanismen, die das Preisrisiko begrenzen; beeinflussen, ob negative Preise beim Anlagenbetreiber „ankommen“.

Häufige Missverständnisse:

  • „Bei negativen Preisen werde ich als Haushalt fürs Stromverbrauchen bezahlt.“ – Nein. Endkunden zahlen Tarife mit Netzentgelten, Steuern und Aufschlägen; dynamische Tarife können Preissignale abbilden, bleiben aber selten negativ „an der Steckdose“.
  • „Negative Preise sind ein Fehler im Markt.“ – Sie zeigen realen Überschuss und Inflexibilitäten; sie setzen Preissignale für Flexibilität und Netz-/Speicherausbau.
  • „Erneuerbare profitieren immer von negativen Preisen.“ – Eher nicht: Markterlöse sind dann negativ; Förderregeln können Zahlungen zeitweise aussetzen.
  • „Negative Preise gelten überall gleichzeitig.“ – Preise gelten je Gebotszone und Zeitintervall; Engpässe führen zu Unterschieden zwischen Ländern/Regionen.
  • „Nur Erneuerbare verursachen negative Preise.“ – Auch starre konventionelle Erzeugung (Mindestlasten, hohe Start/Stopp-Kosten) und Netzengpässe tragen dazu bei.